Nachhaltig Pilze sammeln: Bestände schonen
Mit KI generiertKaum ein Thema beim Pilzesammeln wird so hitzig diskutiert wie die Frage, ob man dem Wald schadet. Die gute Nachricht: Die Forschung dazu ist erfreulich klar. Die weniger gute: Sie zeigt, dass wir uns über die falschen Dinge Gedanken machen.
Was die Forschung tatsächlich zeigt
Die bekannteste Untersuchung dazu lief über mehr als 25 Jahre in der Schweiz. Auf Versuchsflächen wurden über Jahrzehnte hinweg systematisch alle Pilze abgeerntet, auf Kontrollflächen nichts. Das Ergebnis: Die regelmäßige Ernte hatte keinen messbaren negativen Effekt auf die Zahl der später erscheinenden Fruchtkörper oder auf die Artenvielfalt.
Das ist logisch, wenn man versteht, was ein Fruchtkörper ist. Der Pilz selbst – das Myzel – bleibt vollständig im Boden. Der Fruchtkörper ist nur sein Fortpflanzungsorgan, vergleichbar mit einem Apfel am Baum. Wer einen Apfel pflückt, tötet keinen Baum.
Dieselbe Studie fand aber sehr wohl einen negativen Effekt – und zwar durch das Betreten. Flächen, die häufig durchquert wurden, zeigten deutlich weniger Fruchtkörper. Bodenverdichtung und Trittschäden sind das eigentliche Problem, nicht das Messer.
Die Maßnahmen mit echter Wirkung
- Auf Wegen und Wildwechseln bleiben, wo es geht. Nicht kreuz und quer durch den Bestand laufen, sondern gezielt Bereiche ansehen. Das ist die wirksamste einzelne Maßnahme.
- Moos und Laubstreu nicht abräumen. Wer die Streuschicht durchharkt, um versteckte Fruchtkörper zu finden, legt das Myzel frei und trocknet es aus. Das ist der Klassiker unter den echten Schäden.
- Fundstellen wieder verschließen. Loch mit Erde und Laub abdecken, damit das Geflecht nicht austrocknet.
- Nur mitnehmen, was verarbeitet wird. Ein Kilo, das im Kühlschrank verdirbt, ist der einzige wirklich sinnlose Teil des Sammelns. Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt geringe Mengen für den Eigenbedarf – ein bis zwei Kilogramm pro Person und Tag sind die gängige Orientierung.
- Nicht das ganze Vorkommen ernten. Auch wenn Fruchtkörper das Myzel nicht schädigen: Sie sind Nahrung für Insekten, Schnecken, Wild und Kleinsäuger, und einige tausend Arten leben von und in Pilzen.
- Zu junge und alte Exemplare stehen lassen. Sehr junge sind nicht bestimmbar und liefern kaum Ausbeute. Sehr alte sind ohnehin nicht mehr genießbar und geben noch Sporen ab.
- Korb statt Plastiktüte. Nicht nur weil Pilze im Korb länger frisch bleiben, sondern weil Sporen unterwegs durch die Ritzen fallen.
Rücksicht auf das, was nicht Pilz ist
Ein Sammelausflug ist immer auch eine Störung des Waldes als Lebensraum:
- Wildruhezonen respektieren und Dämmerungsstunden meiden – Morgen und Abend sind die Aktivitätszeiten des Wildes.
- Hunde anleinen. Auch der freundlichste Hund treibt Wild auf.
- Nicht in Naturschutzgebieten, Nationalparks und Naturwaldreservaten sammeln. Dort ist die Entnahme meist vollständig verboten, und zwar mit gutem Grund: Diese Flächen sind Referenz für ungestörte Entwicklung.
- Leise sein. Große, laute Gruppen sind für Wildtiere die auffälligste Störung.
- Müll mitnehmen, inklusive Putzabfälle. Die gehören in den Kompost, nicht auf den Waldparkplatz.
- Nicht mit dem Auto in den Wald. Am ausgewiesenen Parkplatz stehenbleiben, auch wenn der Waldweg befahrbar wirkt.
Die Regeln, die man vergessen kann
Einige verbreitete Empfehlungen halten der Prüfung nicht stand:
- Drehen statt schneiden – oder umgekehrt. Für das Myzel macht es keinen belegbaren Unterschied. Wichtig ist nur, die Stelle danach abzudecken. Für die Bestimmung ist Herausdrehen sogar besser, weil die Stielbasis erhalten bleibt.
- „Man muss immer ein Drittel stehen lassen." Eine gut gemeinte Regel ohne wissenschaftliche Grundlage – die Menge ist ökologisch weniger relevant als der Weg dorthin. Trotzdem bleibt sie als Haltung sinnvoll: Sie verhindert Übernutzung und lässt anderen etwas übrig.
- „Giftpilze zertreten, damit niemand sie isst." Das Gegenteil von Naturschutz. Giftpilze sind ökologisch genauso wichtig wie Speisepilze und für viele Arten Lebensraum. Wer sie zerstört, schadet dem Wald und schützt niemanden.
Was langfristig wirklich zählt
Die größten Bedrohungen für Pilzbestände sind nicht Sammler, sondern Stickstoffeinträge aus Luft und Landwirtschaft, Bodenverdichtung durch Forstmaschinen, Klimawandel mit häufigeren Trockenjahren und der Verlust alter Bäume mit ihren jahrzehntealten Mykorrhiza-Netzwerken. Wer Pilze schützen will, tut das am wirksamsten durch die Unterstützung von naturnaher Waldwirtschaft und Schutzgebieten – und im Wald selbst durch Achtsamkeit beim Gehen. Der Korb voller Steinpilze ist nicht das Problem.